Montag, Jänner 29

Das 5. Rad ab

Wir suchen jemand Neues; jemand, der kommen wird und unser Leben wieder umkrempeln. Ob wir das wollen, oder nicht.

Sonntag, Jänner 28

Ohne Worte

Vertreibung aus dem Paradies

Gestern besah ich zufällig die StudiVZ-Seite einer früheren WG-Mitbewohnerin und fand mich in einem ihrer Fotoalben wieder, ihre Zeit in Wien 2004 bis 2006. Das heißt: Unsere Wohnung, das Wohnzimmer morgens, das Wohnzimmer abends. Der Ausblick aus dem Wohnzimmer. Das Zimmerlein, das wir gerade zu vermieten haben. Alles fein säuberlich versehen mit unseren Namen & dem Bezirk, in dem wir wohnen. Alle Freunde, alle Beziehungen, alle Ereignisse, die für mich wichtig sind (oder waren), kann man auf diesen Fotos nachvollziehen. Unsere neue Wohnung, unsere alte Bleibe. Auf Partys, beim ausgiebigen Frühstück (welches man damals täglich in die Länge zog), extrem lasziv gekleidet bei einem Faschingsfest, wir alle inmitten von Alkohol & Zigarettenrauch. Sogar Bilder des Mistkübels blieben nicht unveröffentlicht.


Nach kurzem Nachdenken wurde ich nervös und begann, mich auf diversen Blogs & Wikipediaseiten über das Thema Selbstdatenschutz zu informieren. Ich stieß auf das Thema StudiVZ vs. zukünftiger Arbeitgeber, eine sehr breite Diskussion, wo ich am Ende heilfroh war, keinen StudiVZ-Eintrag zu haben. Nicht weil ich dagegen bin, sondern weil es sich für mich schlichtweg nicht mehr auszahlt. Ich suchte gut recherchierte Artikel – zu finden waren nur abertausend polemisierende Meinungen auf Blogs verschiedener Ausrichtung, einer hieß tatsächlich so in etwa: was-dir-im-netz-nicht- furchtbares-passieren-kann.

Ich saß da und dachte verzweifelt nach.

Der Selbstdatenschutz-Eintrag bei Wikipedia kritisiert sehr scharf die Naivität vieler Internetznutzer und mahnt zur Vorsicht. Als Beispiele bringt der Artikel noch einige Horror-Szenarien, die sich abspielen können, wenn man nicht auf seine absolute Anonymität achtet. Und nicht mal das nützt etwas. Am besten das Internet gar nicht benutzen! Denn so genannte „illegale Auskunfteien“ können trotz aller Schutzmaßnamen alles über dich rausfinden: Kontoverhältnisse, E-Mailkontake, Besuche auf indiskreten Seiten, sexuelle Vorlieben, politische Ausrichtung, Einkaufslisten bei Ebay, komprimittierende Bekanntschaften, usw.

Ich saß da, bekam Panik und löschte in einer Kurzschlussreaktion meinen gesamten Arbeitstagebuch-Blog, der meine komplette Arbeit für die Uni dokumentiert hatte. Er war ohnehin nicht allgemein zugänglich gewesen, aber trotzdem: Panik, Panik. Danach war dieser Blog hier an der Reihe. Ich besah erschrocken, was ich bisher veröffentlicht hatte und begann ihn zu stutzen. Ich versuchte mittels Blog-Suche rauszufinden, welche Stichworte man eingeben muss, um rasch hier zu landen. Völlig paranoid löschte ich Namen, Fotos, Zitate, sogar den Blognamen wollte ich ändern, weil mir das Wort „betrunken“ plötzlich unheimlich geworden war.

Bisher war ich mit meinem Blog selig gewesen. Ich mochte den Namen, die Fotos, die Texte. Während ich an meiner Arbeit schrieb, konnte ich in den Pausen an meinem Blog arbeiten. Ein unbezahlbarer Ausgleich. Die Arbeit für die Uni müllt meinen Kopf zu, meine eigenen Gedanken müssen wo hin. Sie brauchen Platz, sich zu entfalten, ich brauche einen Platz, wo der Überschuss hinkommt. Und ich schreibe gerne. Ich liebe Buchstaben, mein erstes Tagebuch hatte ich mit 11 Jahren. Der Vorteil hier im Vergleich zu .doc ist die Formatierung, ich kann alles mit einfachen Mitteln relativ schön herrichten, mit ein paar Klicks Fotos dazusetzen, fertig. Es sieht schön aus und diejenigen, die ich mag, können es sich ansehen.

Ich bin ein Kind des Internets und ich will nicht von ihm gefressen werden! Ein Online-Zugang bedeutet viel für mein Leben, das ist kaum wegzudenken. Ich bin damit aufgewachsen. Ich habe keine Angst davor. Aber gestern hatte ich für kurze Zeit das Gefühl, die Flut an Angstbeiträgen zum Thema Selbstdatenschutz vertriebe mich aus dem Online-Paradies. Ich bin nicht naiv und weiß, dass es unter Umständen tatsächlich gefährlich sein kann. Dazu kamen Zweifel, ob ein Blog überhaupt Sinn hat. Ich stolperte über Kommentare, die mir erklärten, es gäbe Blogger unterschiedlicher Klassen und das Ziel vieler Blogger wäre, möglichst oft verlinkt zu werden und viele Klicks zu erhalten, sodass die Themen nur auf die Quantität der Klicks & nach Blog-Such-Ergebnissen ausgerichtet wären. Damit kann man natürlich Geld verdienen, das ist durchaus logisch. Aber für mich ist sowas ja trotzdem immer wie ein Schlag ins Gesicht. Genauso entsetzt war ich, als ich unlängst herausfand, dass mir mein Email-Programm Werbung vorsetzt, die aufgrund meiner Email-Inhalte genau auf mich zugeschnitten ist.

Ich habe nachgedacht. Beim nächsten Mal, wenn wir Mitbewohner für die WG suchen, werde ich nicht mehr online nachrecherchieren, sondern jedem eine objektive Chance geben. Das Bild, das ein Blog, ein StudiVZ-Eintrag, ein Foren-Kommentar, ein Singlebörseneintrag, eine Homepage von einem Menschen transportiert, ist nichts weiter als ein Ausschnitt, ein Aspektchen - die künstlich-mediale Darstellung einer Person, die garantiert mehr Schattierungen hat, als z.B. die Gruppenzugehörigkeiten zu Ich-glühe- härter-vor-als-du-Party-machst oder Vegetarier-essen-meinem-Essen- das-Essen-weg.

Ein Blog spiegelt keine reale Person wider.

Ein Blog ist Kunst, im lebendigsten Sinne.

Freitag, Jänner 26

Kennst du die DC-Folge...

... wo der Unterschied zw. diesen beiden Wörtern erörtert wird?

schein|bar (nur dem Scheine nach); er hörte scheinbar aufmerksam zu (in Wirklichkeit gar nicht), aber er hörte anscheinend (= augenscheinlich, offenbar) aufmerksam zu

Ich kann mich erinnern, es war die 5. Staffel, als Joey... oh mein Gott, das ist doch dieselbe Frau, die jetzt mit einem Baby daheim sitzt und einer Sekte beigetreten ist? - Also Joey studiert... Ach, was soll's. Jetzt bin ich darüber hinweg und wir schauen ständig Desperate Housewifes*. Genauso wie wir eine Sex-and-the-city-Phase hatten. Mit Prosecco. Jawohl! Wir sind schon so Mitläufer, so Scheiß BoBos. Ach übrigens, BoBos gibt es nicht mehr. Der neue Mensch heißt jetzt anders, ich habs gestern in Sendung ohne Namen gehört... es hat, glaub' ich, irgendwas mit neuen Medien zu tun -- weiß es wer? Ja, heute wissen wir's noch nicht, aber nächste Woche, nachdems im Falter vorkam, sind wir alle ... ähm, ja das eine... was jetzt alle sind.

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*die verzweifelten hausmütterchen sind doch nur die weiterentwickelten joeys.

7 Das erste Eis im Jahr

Ein früher Sonnentag kommt in unser Leben, wir packen ihn und zerren ihn in den Park. Der Boden ist noch viel zu kalt, aber uns stört das nicht. Wir ziehen schwarze Strümpfe an und verkühlen uns die Herzen nicht mehr.

Im Winter haben wir uns die Köpfe zumüllen lassen.

Jetzt ist Frühling und wir saugen die Sonne ein, und uns selbst gleich dazu. Wir blicken mit den Sonnenstrahlen nach innen, unter die Pigmentschicht, und staunen. Die Zeit dafür muss gestohlen werden. Wir lachen endlich, atmen uns gegenseitig ein und blasen uns den Rauch ins Gesicht.

Der letzte Sommer ist halb vergessen. Bevor wir gehen, erinnern wir uns und stauben Dinge aus, die man jetzt wieder braucht. Wir schlendern über die Gehsteige, auf denen noch Rollsplittreste liegen, stellen Parkbänke gegenüber auf und lagern unsere blassen, glatten Beine hoch. Unsere Wangen sind rot. Das Lied in unseren Köpfen: Die Bienen fliegen aus, aus ihrem Bau, aus ihrem Haus. Wir summen und spielen Federball, bis die Bälle zerfleddert sind.

Ich tue nebenbei, als würde ich lernen. Das schlechte Gewissen habe ich am Eingang des Parks gegen die Gleichgültigkeit eingetauscht, aber es lugt im Stundentakt durch die Tore herein und winkt mir von der Ferne zu.

Die Gleichgültigkeit hingegen tobt gutgelaunt durch die Höfe, über die grünen Wiesen hinweg, dreht ein paar Runden um die Grillstation, umkreist das Billa-Glasgebäude, kommt zu mir zurück und rutscht die frisch rasierten Beine hinunter.

Ich blättere in der romantischen Kunstauffassung.


Das erste Eis in diesem Jahr liegt bereits hinter mir.

Ich spaziere die Naglergasse entlang. Meine Liebe, die unglückliche, geht singend neben mir her und hält meine Hand, fest und unschuldig. Unsere Finger verbünden sich, als wir den Stephansdom betreten und zwei Teelichter anzünden. Wofür ist uns noch nicht so recht klar.

Die Liebe sieht hinüber zur Marienstatue, die das Jesukind am Arm hält. Ganz klein sitzt es auf ihren verrenkten Hüften. Die Maria verlagert das Gewicht auf eine Art und Weise, die lebende Menschen nicht nachahmen könnten, weil sie sonst umfielen. Sage ich, zur Liebe.

Ich gehe zu Douglas rein und sprühe mir Jil Sander No 4, den Duft meiner Kindheit, aufs Handgelenk, während die Liebe in einer Sprache spricht, die ich nicht verstehe. Dann holen wir Eis aus der Rotenturmgasse und essen es im Gehen. Meine Haare wehen im Wind und bleiben auf den Eiskugeln kleben.

Unsere Finger verstehen sich.

Wir kaufen im Vorbeigehen den Wodka, mit dem wir uns abends betrinken werden. Die Liebe, die unglückliche, benebelt sich, weil sie mich zum Abschied nicht küssen darf.


Jetzt ist Frühling. Die Liebe ist lang fort und meine Finger, die verstandenen, blättern einsam in meinem Skriptum. Ich sitze in einem sonnenbeschienenen Park, neben mir Kunstauffassungen; aus jeder Epoche eine. Die Federbälle fliegen hoch über unseren Köpfen, die zugemüllten, und ich singe leise: Eben noch Honig geholt, eine andere Biene vernascht und dann die ganze Nacht an dich gedacht.

Wir zünden uns Zigaretten an und ich hole mir einen Zorn auf den jungen und den alten Goethe aus den wehenden Blättern. Der Wind ist noch zu kühl für Bikinioberteile und Flipflops. Wir bleiben, bis die Sonne Gutnacht' sagt und warten, was passiert.

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m, märz 2005.

Mittwoch, Jänner 24

Eltern

Heute Morgen, als ich getrennt voneinander meine beiden (einander wohlgemerkt feindlich gesinnten) Elternteile anrief, rieten mir beide eindringlich, das Rauchen aufzugeben. Meine Mutter eher in spöttischem Ton (typisch Nichtraucher), mein Vater in großkotzigem Ton (typisch Mitdemrauchenaufgehörthaber; ich zitiere: 'Du bist doch sicher auch so stark wie ich.' Kein Scherz.) Aber beide ernsthaft - und unabhängig voneinander. Haben die beiden sich heimlich abgesprochen? Als Reaktion darauf hab ich das hier hervorgekramt: Ode an den Kerl, der mir das Rauchen beigebracht hat.* (Übrigens ist es ein Schlussmachgedicht. Die Hauptmotive meiner Jugenddichtung sind ausnahmlos 1. Rauchen, 2. Tränen, 3. Schlussmachen. Am häufigsten natürlich in Kombination.)


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* Ode aus Gründen der Unveröffentlichbarkeit gestrichen.