Freitag, Jänner 26
Kennst du die DC-Folge...
schein|bar (nur dem Scheine nach); er hörte scheinbar aufmerksam zu (in Wirklichkeit gar nicht), aber er hörte anscheinend (= augenscheinlich, offenbar) aufmerksam zu
Ich kann mich erinnern, es war die 5. Staffel, als Joey... oh mein Gott, das ist doch dieselbe Frau, die jetzt mit einem Baby daheim sitzt und einer Sekte beigetreten ist? - Also Joey studiert... Ach, was soll's. Jetzt bin ich darüber hinweg und wir schauen ständig Desperate Housewifes*. Genauso wie wir eine Sex-and-the-city-Phase hatten. Mit Prosecco. Jawohl! Wir sind schon so Mitläufer, so Scheiß BoBos. Ach übrigens, BoBos gibt es nicht mehr. Der neue Mensch heißt jetzt anders, ich habs gestern in Sendung ohne Namen gehört... es hat, glaub' ich, irgendwas mit neuen Medien zu tun -- weiß es wer? Ja, heute wissen wir's noch nicht, aber nächste Woche, nachdems im Falter vorkam, sind wir alle ... ähm, ja das eine... was jetzt alle sind.
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*die verzweifelten hausmütterchen sind doch nur die weiterentwickelten joeys.
7 Das erste Eis im Jahr
Im Winter haben wir uns die Köpfe zumüllen lassen.
Jetzt ist Frühling und wir saugen die Sonne ein, und uns selbst gleich dazu. Wir blicken mit den Sonnenstrahlen nach innen, unter die Pigmentschicht, und staunen. Die Zeit dafür muss gestohlen werden. Wir lachen endlich, atmen uns gegenseitig ein und blasen uns den Rauch ins Gesicht.
Der letzte Sommer ist halb vergessen. Bevor wir gehen, erinnern wir uns und stauben Dinge aus, die man jetzt wieder braucht. Wir schlendern über die Gehsteige, auf denen noch Rollsplittreste liegen, stellen Parkbänke gegenüber auf und lagern unsere blassen, glatten Beine hoch. Unsere Wangen sind rot. Das Lied in unseren Köpfen: Die Bienen fliegen aus, aus ihrem Bau, aus ihrem Haus. Wir summen und spielen Federball, bis die Bälle zerfleddert sind.
Ich tue nebenbei, als würde ich lernen. Das schlechte Gewissen habe ich am Eingang des Parks gegen die Gleichgültigkeit eingetauscht, aber es lugt im Stundentakt durch die Tore herein und winkt mir von der Ferne zu.
Die Gleichgültigkeit hingegen tobt gutgelaunt durch die Höfe, über die grünen Wiesen hinweg, dreht ein paar Runden um die Grillstation, umkreist das Billa-Glasgebäude, kommt zu mir zurück und rutscht die frisch rasierten Beine hinunter.
Ich blättere in der romantischen Kunstauffassung.
Das erste Eis in diesem Jahr liegt bereits hinter mir.
Ich spaziere die Naglergasse entlang. Meine Liebe, die unglückliche, geht singend neben mir her und hält meine Hand, fest und unschuldig. Unsere Finger verbünden sich, als wir den Stephansdom betreten und zwei Teelichter anzünden. Wofür ist uns noch nicht so recht klar.
Die Liebe sieht hinüber zur Marienstatue, die das Jesukind am Arm hält. Ganz klein sitzt es auf ihren verrenkten Hüften. Die Maria verlagert das Gewicht auf eine Art und Weise, die lebende Menschen nicht nachahmen könnten, weil sie sonst umfielen. Sage ich, zur Liebe.
Ich gehe zu Douglas rein und sprühe mir Jil Sander No 4, den Duft meiner Kindheit, aufs Handgelenk, während die Liebe in einer Sprache spricht, die ich nicht verstehe. Dann holen wir Eis aus der Rotenturmgasse und essen es im Gehen. Meine Haare wehen im Wind und bleiben auf den Eiskugeln kleben.
Unsere Finger verstehen sich.
Wir kaufen im Vorbeigehen den Wodka, mit dem wir uns abends betrinken werden. Die Liebe, die unglückliche, benebelt sich, weil sie mich zum Abschied nicht küssen darf.
Jetzt ist Frühling. Die Liebe ist lang fort und meine Finger, die verstandenen, blättern einsam in meinem Skriptum. Ich sitze in einem sonnenbeschienenen Park, neben mir Kunstauffassungen; aus jeder Epoche eine. Die Federbälle fliegen hoch über unseren Köpfen, die zugemüllten, und ich singe leise: Eben noch Honig geholt, eine andere Biene vernascht und dann die ganze Nacht an dich gedacht.
Wir zünden uns Zigaretten an und ich hole mir einen Zorn auf den jungen und den alten Goethe aus den wehenden Blättern. Der Wind ist noch zu kühl für Bikinioberteile und Flipflops. Wir bleiben, bis die Sonne Gutnacht' sagt und warten, was passiert.
_______________________m, märz 2005.
Mittwoch, Jänner 24
Eltern
Heute Morgen, als ich getrennt voneinander meine beiden (einander wohlgemerkt feindlich gesinnten) Elternteile anrief, rieten mir beide eindringlich, das Rauchen aufzugeben. Meine Mutter eher in spöttischem Ton (typisch Nichtraucher), mein Vater in großkotzigem Ton (typisch Mitdemrauchenaufgehörthaber; ich zitiere: 'Du bist doch sicher auch so stark wie ich.' Kein Scherz.) Aber beide ernsthaft - und unabhängig voneinander. Haben die beiden sich heimlich abgesprochen? Als Reaktion darauf hab ich das hier hervorgekramt: Ode an den Kerl, der mir das Rauchen beigebracht hat.* (Übrigens ist es ein Schlussmachgedicht. Die Hauptmotive meiner Jugenddichtung sind ausnahmlos 1. Rauchen, 2. Tränen, 3. Schlussmachen. Am häufigsten natürlich in Kombination.)_______________________* Ode aus Gründen der Unveröffentlichbarkeit gestrichen.
Dienstag, Jänner 23
6 Alte Liebe
Die Küche ist voll. Ich sitze am Fensterbrett. Das ist mein Platz. Es ist, als hätte ich mein Leben lang hier gesessen. In mir singt es: 'Das ist keine Klage, das ist eine Hommage. An die gemeinsamen Jahre, jeden einzelnen Tag.'
Am Tisch vor mir wird über die Dienstleistungsrichtlinie diskutiert. Jemand schneidet Äpfel in kleine Stückchen. Sie reden über Kapitalismus. Keiner von uns kann sich an den Kommunismus erinnern. Nur unsere Küchenkästchen sind kommunistisch aufgeteilt. Auch unsere Zigaretten teilen wir. Wir rauchen, bis alle Schachteln leer sind.
Sie wacht nicht auf. Ich warte seit einer Stunde. Sogar die langsamste Kaffeemaschine hat den Kaffee gemacht, bis sie kommt. Sie hat ihre Arbeit getan, lange Jahre. Jetzt nimmt sie sich eine Auszeit, weil sie reif geworden ist. Wie eine Avocado. Sie mag Avocados ganz weich. Ich mag sie gar nicht.
Ich sehe sehnsüchtig auf die Tür, durch die sie bald gehen wird. An der Diskussion beteilige ich mich mit einem müden Lächeln. Sie wissen, dass ich etwas weiß, aber heute sage ich ihnen nichts. Ich warte.
Sie braucht. Sie macht die Dinge sorgfältig.
„Guten Morgen, Süße.“
Sie setzt sich hin und legt all ihre Taschen ab. Streut Zigaretten, Feuerzeug und Falter zwischen Käse, Joghurt und Aufbackbrötchen. Mittwoch Morgen. Die Morgen, die wir gemeinsam verbringen, vermischen sich in meinem Kopf zu einem einzigen Morgen, der sich ewig wiederholt. Er sichert meine Widerhaken.
Sie holt die kleinen Tassen und schenkt sich Kaffee ein. Viel zu viel Milch. Wir können keinen Kaffee teilen. Das nicht, nein. Ich gewöhne mir die Milch ab. So, wie ich es mit dem Zucker gemacht habe. Bis sie weg ist. Bis sie beide weg sind. Die Milch und der Zucker.
Sie aber soll nie weggehen.
„Hey, setz dich näher zu mir.“
„Ich will nicht in der Sonne sitzen.“ Dabei schwitzt sie nie. Mir ist es immer viel zu heiß. Ich fange sofort zu schwitzen an. Wenn ich bloß um Zigaretten gehe, wird es mir schon heiß.
Sie zündet sich eine Zigarette an. Nimmt einen Schluck Kaffee.
Sie liest vor: „Im Übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden.“
Sie kommt in die Küche und es ist jemand da. Sie öffnet die Tür und stöckelt herein. Sie setzt sich und ihr Busen scheint dabei zu schweben. Sie mag es nicht, wenn ich von ihrem Busen rede. Dabei finde ich ihn sehr schön. Sie strahlt aus, was mir fehlt. Ich seh es mir an und sauge es auf.
Sie kommt in die Küche und die Küche ist komplett.
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H.M.M., 2004.
Montag, Jänner 22
halli balli
- Man ist den ganzen Nachmittag aufgeregt. Dazu trinkt man Energy-Drinks.
- Ein Ball dauert ewig & es gibt Frankfurter.
- Man schminkt sich und kämmt sich und lockt sich und kauft sich Extradinge dafür beim Bipa ohne schlechtes Gewissen.
- Ich mache mir keine Gedanken, was ich anziehe. Ich habe ja nur das eine Kleid.
- Es ist gratis.
- Die Heimatgefühle beim Hineinschreiten. Plötzlich ist einem Blasmusik sympathisch & man will selbst ein Dirndl kaufen.
- Die Begleitpersonen. Dort sind fast alle anwesend, die ich mag.
- Die Terrasse (wobei es ein Glück war, dass wir K mit dabei hatten, denn sonst hätten wir die nie entdeckt). Abgesehen davon, dass ich mich dort verkühlt habe. Aber das ist egal.
- Tanzen in einer Ö3-Disco. Ich meine, wann tut man soetwas? Man hüpft stundenlang herum und hat danach Muskelkater und die Musik ist grottenschlecht (Mc behauptet, da gab's nur Tina Turner; Mc behauptet aber auch, dass jedes Mädchen ausnahmslos Son Of A Preacher Man liebt). Sowas mag ich. Es erinnert mich an Zuhause. Man tut es so selten.
- Man raucht Zigarillos.
- Man ist betrunken und sagt dabei Dinge, die man sonst nicht sagen würde. Das ist sehr befreiend. Ich mag das.
- Beim Nachhausegehen wirft man seine Schuhe einfach weg, auf den Gehsteig - und geht in Strumpfhosen heim. (Also weniger man, mehr ich.)
- Man fährt Taxi.
- Am Tag danach liegt man den ganzen Tag im Bett, ißt Tiefkühlpizza & schaut 3 Filme.
Freitag, Jänner 19
Was willst du werden? - Nichts.
"Eine beliebte Frage, die oft Jugendlichen gestellt wird, lautet wie folgt: Was willst Du werden? Bei Lichte betrachtet grenzt diese Frage beinahe an Frechheit. Offenbar geht der Fragesteller davon aus, dass der betreffende Mensch jetzt noch nichts ist! Er muss erst noch etwas werden. Mit Wertschätzung diesem Menschen gegenüber hat das nicht sehr viel zu tun. Es hat natürlich auch nicht sehr viel mit Wertschätzung uns selbst gegenüber zu tun, wenn wir selber das Ziel haben, etwas zu werden. Die Welt ist voller Menschen, die etwas werden wollen; die offenbar jetzt noch nichts sind; oder die zumindest jetzt noch nicht genügend wertvoll sind.
[...]
Es geht darum, das zu sein, was man bereits ist. Es geht darum, sich selbst zu sein. Sich selbst sein kann man aber immer nur jetzt. Es geht nicht darum, in einem Monat oder in einem Jahr sich selbst zu sein. Es geht darum, jetzt sich selbst zu sein."[1]
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[1] Egli, René und Francois: Realität oder Illusion. Oetwil, 2005. S. 187.

