Mittwoch, Jänner 17

Dekadenz in Reinform

Als Protest gegen den Beibehalt der Studiengebühren und somit auch als Protest gegen die SPÖ als Kanzlerpartei (erschien uns vor ein paar Wochen noch völlig paradox, nicht wahr?) möchte ich hiermit eine Gruppe gründen, und zwar eine (Moment - das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen:) Slow-Food & Siedler-Bewegung. Etwas unendlich burgeoises, zum Trotz.

Eine erlesene, kleine, furchtbar intelligente, eingebildete, feinschmeckerische, studentische Vereinigung trifft sich in regelmäßigen Abständen (nicht zu oft und nicht zu selten), wählt zuvor erlesene Rezepte aus, für feine Speisen, die gemeinsam gebraten, blanchiert & sorbetiert werden - 4 Gänge Minimun - und hinterher wird das unglaublich kapitalistische Brettspiel Siedler zelebriert und wir fi**** uns (natürlich nur im spielerischen Sinn) tierisch rein, so wie es die Regierung (egal welche) in der Realität jeden Tag mit uns zu tun pflegt.

Für all jene, die ganz furchtbar wichtige Gründungsmitglieder werden wollen: Bitte bald melden. Dieser Kreis ist elitär. Auch Nicht-Studenten, bevorzugt mit Modellbaukenntnissen, werden aufgenommen.



PS: Vielleicht rechnet uns die Regierung richtiges, gesundes Kochen als Sozialarbeit an uns selbst an.


Wörter des Tages:

Af|fir|ma|ti|on (Bejahung, Zustimmung)
Nim|bus (besonderes Ansehen, Ruf; bild. Kunst Heiligenschein, Strahlenkranz)
Ak|zi|dens (das Zufällige, was einer Sache nicht wesenhaft zukommt)
Pa|ra|ta|xe (Nebenordnung)
am|big, am|bi|gue (mehrdeutig, doppelsinnig)
e|le|gisch (wehmütig)
Non|cha|lance (Lässigkeit, formlose Ungezwungenheit)
prä|ten|ti|ös
(anspruchsvoll; anmaßend)

ru|b|ri|zie|ren (einordnen, einstufen)
af|fir|ma|tiv (bejahend, zustimmend)
A|n|a|ko|luth (Sprachw. Satzbruch)

[Foto veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Modelbauers.]

Dienstag, Jänner 16

Ein Leben ohne Ziele...

Wörter des Tages:

Vik|tu|a|li|en Plur. (veraltet für Lebensmittel [für den täglichen Bedarf])
a|van|cie|ren (befördert werden)
m. E. (meines Erachtens)
Li|to|tes, die (Rhet. Bejahung durch doppelte Verneinung, z.B. »nicht unklug«)
dau
ererigierte Prosa (Diese Art von dauernder Aufgeregtheit ist die schlimmste Art von Langeweile in einer Geschichte)


...denn das Weglassen von Zielen hat etwas mit Menschlichkeit sich selber gegenüber zu tun. Das Weglassen der Ziele nimmt den Druck weg.[1]


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[1] E.R&F.: Illusion oder Realität? S. 177 f.

Montag, Jänner 15

mindest-denk-zeit

Der Falter schreibt diese Woche:

KOMMENTAR Schnelle Studenten sind nicht automatisch gute Studenten. Denken braucht nämlich Zeit.[1]


Ich zum Beispiel:
Erarbeite einen Artikel aus dem Standard, in dem Wolf Haas und Ilse Aichinger sich unterhalten. Sie gehen im Augarten spazieren und fallen von einem Thema ins nächste und das so bezaubernd und unendlich genial, dass ich den Artikel fünfmal lesen muss und immer wieder zu Sätzen zurückkehre, wie z.B.

Aichinger: Und dann schreiben Sie es rasch hin?
Haas: Ich brauch' immer die Illusion, dass es nur vorläufig ist. Ich schreib' eine Rohversion, die aber schon richtig ein Buch ist, sozusagen. Und dann schau' ich, dass ich noch Zeit habe, es ist eigentlich fertig, aber liegt dann noch rum so ein Dreivierteljahr.
Aichinger: Was machen Sie dazwischen?
Haas: Da mach ich - nichts.
Aichinger: Sehr gut. Es gibt heute niemand, der sagt: Ich mache nichts. Es ist doch heute am wichtigsten, dass man jedem erzählt, dass man überhaupt keine Zeit hat.[2]

oder

Nicht einmal dem pubertären Vergnügen, sich Detektivgeschichten auszudenken, kann man in Ruhe nachgehen, ohne dass die Heimat sich ungefragt hineindrängt […] Manchmal werde ich sogar Zeuge, wie junge Menschen von ihrer Bildungsinstitution dazu angehalten werden, etwas über einen meiner Krimis zu schreiben. An erster Stelle steht dann immer diese Heimatfrage: Worin sehen sie das typisch Österreichische in Ihren Kriminalromanen? Um Gottes Willen! Hab ich wirklich solche Bücher geschrieben, in denen das Österreichische vorkommt? Wo mir doch nichts so am Arsch vorbeigeht wie das Österreichische. Darf ich nicht lieber Eskapist, Eklektizist, und noch irgendwas Verbotenes mit E sein? Zum Beispiel Erz-Manierist![3]



usw. usf.

Ich lese stundenlang dahin und verzettle mich
und man sollte mal meine Wikiwörter des Tages dokumentieren,
wie sehr ich abschweife und über Ecken wieder zurückkehre

- allerdings oft erst nach Tagen.

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[1]Walter Kissling: Schnell, gleich, schwach. In: Falter, 10. 1. 2007.

[2]Reinhold Reiterer: „Wie schreiben Sie eigentlich?“ „Pubertär“. In: Der Standard vom 20. 7. 2001.
[3]
Wolf Haas: Heimat-Tamtam. In: unique, Zeitschrift der Österreichischen Hochschülerschaft, Nr. 02/2001.

Sonntag, Jänner 14

5 Schlossberg

Auf einem Berg, vielleicht dort wo früher ein Schloß stand, steht jetzt ein Krankenhaus. Mit Glastüren, die sich drehen. Seit ein paar Jahren fahren die Rettungsautos rund um einen Kreisverkehr. In der Mitte des Kreisverkehrs hat die Städtische Gärtnerei gelbe und violette Stiefmütterchen aufgereiht. Schlossberge gibt es viele. In Linz, in Graz und in Bregenz. Dieser hier ist anders.

Sommer 1977.

Ein knapp sechzehnjähriges Mädchen mit schwarzen langen Haaren und runden Hüften, die später eine Bachblütenhexe werden soll, geht dort zur Krankenpflegeschule. Sie wohnt auf dem Berg in einem kleinen Zimmer und lässt sich von Klosterschwestern, die aussehen wie Pinguine, in Anatomie unterrichten. Für sie ist das revolutionär, weil ihre Freundinnen Friseurinnen und Verkäuferinnen geworden sind.

Für diesen Traum musste sie ihren Lebensbegleiter Pascha zuhause bei ihrer Mutter und viele Kilometer hinter sich lassen. Bis dahin hatte er sie jeden Tag zur Schule gebracht und wieder abgeholt. Es war ein kleiner brauner Dackel, der im siebzehnten Jahr an Lähmung starb.

Von den fünfhundertdreißig Schillingen, die sie jeden Monat kriegt, kauft sie sich in der Stadt Strümpfe und Haarshampoo. An den Wochenenden kommt sie zurück zu Pascha, lässt ihren Koffer im Vorraum fallen und schert sich bis Sonntag Abend nicht mehr darum. Sie sitzt das ganze Wochenende auf der Wohnzimmercouch, sieht alte Liebesfilme und weint dazu. Der Dackel sitzt hingebungsvoll neben ihr. Ihre Mutter bügelt einstweilen ihre Wäsche und schüttelt von Zeit zu Zeit den Kopf.

178 Kilometer weiter lebt jemand, der sie noch in diesem Sommer von den alten Liebesfilmen befreien soll. Er wohnt in einem winzigen Zweihundertseelendorf. An Samstag Nachmittagen liegt er so lange in der Badewanne und singt zum Fenster raus, bis seine Mutter laut an die Badezimmertür zu klopfen beginnt. Das Badezimmer besitzt noch keine Fliesen und in der Mitte steht ein großer Kesselofen, den man einheizen muss, bevor man heißes Wasser braucht. Wenn er abends ausgeht, steckt sie ihm Geld zu. Er trägt gelbe Hemden und ein weißes Sakko mit goldenen Knöpfen. Mit dreizehn Jahren musste er autofahren lernen, um seinen betrunkenen Vater vom Wirtshaus heimfahren zu können.

Während er seinen Vater die Treppen hinaufhievte, trainierte das Mädchen mit den schwarzen Haaren Judo und erkämpfte sich den schwarzen Gürtel. Das schob sie zwischen die Liebesfilme und die pinguine Anatomie. Auch das war revolutionär.
Sein Vater zieht ins Waldviertel und niemand muss mehr vom Wirtshaus heimgefahren werden. Irgendwann wird er neunzehn und eingezogen. Wochentags sitzt er zigarettenrauchend in einem grasgrünen Panzer und an den Wochenenden in einem Lokal namens Katzenkeller neben der Musikbox und trinkt Ribiselwein. Irgendwann hängt ein Plakat an den Wänden des Kellers: Judowettkampf.

Am Abend nach dem Kampf sitzt das Mädchen mit den schwarzen langen Haaren im Katzenkeller und trinkt Ribiselwein. Am Nebentisch sitzt einer mit goldenen Knöpfen und hat bereits vierzehn Achtel Ribiselwein getrunken, als er sie zum Tanzen holt.
Nach seinem siebzehnten Achtel küssen sie sich.

Sie geht schlafen und er sagt: „Wir treffen uns morgen Mittag bei der großen Kreuzung.“

Es ist die Woche vor ihrem sechzehnten Geburtstag. An diesem Sonntag zu Mittag zieht sie ihren schönsten Rock an und sucht nach einer großen Kreuzung. Sie geht die staubige Straße entlang und sucht nach einer großen Kreuzung, mit Ampel.

In diesem Zweihundertseelendorf gibt es keine Ampel und auch keine Verkehrsschilder. Sie geht die Straße entlang. Einen braunen Hügel hinunter, einen grünen hinauf. Auf der Suche nach einer großen Kreuzung, die ihren revolutionären Begriffen entspricht. Einer Ampel. Dann setzt sie sich auf eine Bank und wartet.

Er sucht sie, bis er sie auf der Bank sitzen sieht. Er setzt sich neben sie und lacht. Weil sie eine Ampel gesucht hat.

Das war im Sommer 1977. In diesem Jahr starteten die Raumsonden Voyager I und II, in Frankreich wurde die letzte Hinrichtung mit der Guillotine durchgeführt und die RAF tötete Hanns Martin Schleyer.

Die beiden auf der Bank sind meine Eltern geworden. Im Jahr 1981 wurde ich als dreihundertachtundneunzigstes Baby in dem Krankenhaus auf dem Schlossberg geboren.
Sie trafen sich durch einen schönen Zufall. Sie lernten sich lieben und hassen. Im ersten Jahr schrieben sie sich 413 Briefe. Das erste Lied, zu dem sie tanzten, war Marmor, Stein und Eisen bricht.

1992 ließen sie sich scheiden.

Das macht aber gar nichts. Der Schönheit dieses einen Augenblickes habe ich es zu verdanken, dass ich hier sitzen und meine Sorgen über die Französische Revolution und Picassos Auswirkungen auf die Literaturgeschichte groß finden kann.

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H.M.M. 2005

Samstag, Jänner 6

4 Mosaik


Lass ihn aus unserem Leben!“

Sie schreibt es, aber ich höre sie schreien. Sie sonnt sich im Solarium, mitten in Sölden. Es liegt kein Schnee mehr. Während ich hierher gekommen bin und versuche, meine Studienbeihilfe zu retten. Ich tue, als würde ich lernen und tippe währenddessen in regelmäßigen Abständen Nachrichten in mein Telefon. Ich schreibe, um mich nicht konzentrieren zu müssen. So wird ein Piepston zur Erlösung.

Es klingelt. Es ist der Ton einer alten Geschichte. Ich erzähle. Er erzählt. Wir lachen. Wir schweigen. Wir erinnern uns.

„Ich lege auf.“ Das Flüsterspiel.

„Warum?“

„Du weißt es.“

Ich lächle. Geflüstertes Lächeln.

Ich lege auf und versuche, weiterzulernen. Mein Kopf ist zugemüllt. Ich bin hergekommen, um ihn auszulüften.

Der Dunstabzug auf Stufe zwei spielt mein Hintergrundlied.

Ich erinnere mich. Nicht genau, es ist zu lange her.

„Ich lass ihn nicht in unser Leben.“

Wir haben getrennt voneinander viel Zeit mit ihm verbracht. Sie hat wirkliche Zeit mit ihm verbracht. Ich hatte meine Gedanken. Sie kreisten ihn ein, jahrelang. Und einen Stapel Briefe.

1996. In diesem Jahr gibt es im Juni ein Ärzte-Konzert in Salzburg. Wir sitzen auf einer Parkbank. In einem Ort, in dem es gar keinen Park gibt. Es ist ein Gemeindebankerl. Rundherum nur Wiese und Wald und Schienen. Ein Lagerhaus.

Mein Kopf, heute zugemüllt, liegt unschuldig in seinem Schoß und meine Hand liegt auf seinem Rücken. Er zupft an meinen Haaren.

Näher sind wir beide uns nie gekommen.

„Heute Nacht habe ich von dir geträumt.“

Ich sehe hoch.

Er lehnt sich vor, ich sehe sein Flüsterlächeln. Meine Hand rutscht aus seinem T-Shirt, ich setze mich auf.

Jetzt hätte ich mir, mit zugemülltem Kopf, eine Zigarette angezündet. Damals war ich gerade fünfzehn.

„Ich habe geträumt, du wärst fett geworden.“

Ich versuche, zu atmen.

„Ich habe geträumt, du wärst immer fetter und fetter geworden. Ich konnte dir dabei zusehen. Bis du zerplatzt bist.“

Das Flüsterlächeln wird laut, seine Arme breiten sich aus.

„Bamm.“

Jetzt atme ich nicht mehr. Seine Arme lehnen sich entspannt zurück.

„Du Verräter!“, schreibt sie.

Bamm.


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H.M.M. 2005

3 Revolutionsgedicht

Einer

Für jede Jahreszeit einer,
für jeden Wochentag einer
- und drei Tage frei.

Einer für die heilige Liebe, die unglückliche,
einer für die freie, die heimliche,
einer für die alte, die langsam rostet,
und einer für die unerwiderte.

Einer für Briefe in roten Umschlägen,
einer für die Melodien im Kopf.
Einer für lange Tagträume,
einer fürs Frühstück.

Einer zum Kaffee, der bringt dir Kuchen.
Einer zum Reden, für die Politik.
Einer für flüchtige Küsse, zufällige, auf dem Gehsteig.
Einer, der fragt und einer, der alle Antworten kennt.

Einer für die Zigarette,
kurz vorm Schlafengehen.
Einer, der deinen Namen weiß
und einer, der ihn ruft.

Einer aus der Vergangenheit,
und einer für die Zukunft.
Einer, bei dem alles vorbei ist
und einer, bei dem alles erst kommt.

Einer sicher,
und einer, der schwebt.
Einer, der die Nacht durchtanzt
und dich umschlingt.

Einer, der dich um Rat fragt,
und dabei an deinen Lippen hängt.
Einer, der dich schön findet
und einer findet dich klug.

Für jede Jahreszeit einer,
für jeden Wochentag einer,
- und drei Tage frei.

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m, 2005

Mittwoch, Jänner 3

heimkehr

wenn ich morgen nachhause komme, sind die finnen weg.
weihnachten ist vorbei, silvester ist vorbei, familienessen sind vorbei.
familie ist vorbei. essen ist vorbei.

ich sags ehrlich, ich kann nicht mehr.
ich will zu meiner arbeit und ich will niemand mehr sehen.
ich will nur ruhe und kaffee.

die vollkommenene übersättigung ist eingetreten.
ich sehne mich sehr oft nach ritualen, regelmäßigkeiten & alltag.
aber jetzt ist die sehnsucht unermesslich.

an weihnachten spült es bekanntlich den meisten menschen ihre kindheit hoch. dass davon wirklich fast alle menschen betroffen sind, konnte ich dieses jahr wieder sehr deutlich erkennen.

ich dachte als kind nie, dass ich das je sagen würde, aber:
danke, gott, dass weihnachten nur einmal im jahr vorkommt.

ich komme bald nach hause, und wie jedesmal wird am westbahnhof eine stimme in meinem kopf sagen:

herzlich willkommen zuhause.